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Bildung unterwegs: Österreich zwischen Kollaboration und antifaschistischem Widerstand

Ein Bericht von Uwe-Jens Kluge

Anfang Juli 2021 machte sich eine 14-köpfige Gruppe mit ihren Fahrrädern auf den Donau-Radweg von Passau nach Wien um der österreichischen Geschichte der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts auf die Spur zu kommen.

Entlang des wunderschönen Donauradweges ging es zur ersten Station nach Linz. Bei einer Stadtführung wurde den Teilnehmenden nicht nur vermittelt, dass Linz bereits in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts eine politische Hochburg des sogenannten „Deutsch-Österreichtums“ war und bekannte NS-Täter dort die gleiche Schule besuchten. Im Vordergrund stand der bewaffnete Aufstand des „Schutzbundes“ gegen den Austrofaschismus im Februar 1934. Von Linz ausgehend griff diese erste bewaffnete Gegenwehr gegen den Faschismus in Europa auf andere österreichische Industriegebiete und auf Wien über. Mehrere tausend Arbeiter*innen des „Schutzbundes“, einer bewaffneten Arbeiter*innenmiliz, in der Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter organisiert waren, griffen am Morgen des 12. Februar 1934 in Linz zu den Waffen um sich gegen den um sich greifenden Austrofaschismus zu erheben.


Konkreter Anlass war die Verfügung der österreichischen Regierung Dollfuss zur Entwaffnung des Schutzbundes. Dollfuss hatte bereits im März 1933 in einem Staatsstreich die parlamentarische Demokratie beseitigt. Ein wesentlicher Hintergrund des Aufstandes bildeten die Ereignisse und Erfahrungen, die mit dem Machtantritt der Nazis in Deutschland im Januar 1933 gemacht wurden. Dieses Geschehen vor Augen wollten die organisierten Schutzbündler*innen deutsche Verhältnisse abwehren. Der Aufstand scheiterte nach wenigen Tagen an einer uneinheitlichen politischen Führung, an Verrat und an einer mangelnden Bewaffnung des Schutzbundes, er wurde vom österreichischen Bundesheer niedergeschlagen.

Ein Film zum Thema beschloss den Tag in Linz bevor es am Folgetag per Rad in die KZ-Gedenkstätte Mauthausen ging. Eine Museumspädagogin leitete uns durch dieses größte österreichische Konzentrationslager, das bereits wenige Tage nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das NS-Deutschland 1938 errichtet wurde. Tausende Menschen aus ganz Europa ließen dort ihr Leben. Etwas befremdlich wirkten manche Erinnerungstafeln, die die Opfergruppen einzelner Nationen repräsentieren sollen. Gab es bis in die 1990er Jahre beispielsweise eine Tafel, die die jugoslawischen Opfer repräsentierten, so gibt es nun Tafeln der ehemaligen Republiken Jugoslawiens. Es machte den Eindruck, als wenn Opfergruppen nachträglich nationalisiert werden sollen.

Am folgenden Tag ging es durch die Wachau hindurch weiter nach Wien. Dort stand ein Besuch des eindrucksvollen „Simon-Wiesenthal-Zentrums“ und eine Lesung über die österreichische Widerstandskämpferin und Auschwitz- sowie Ravensbrücküberlebende Vilma Steindling an. Die europäische Dimension des Faschismus und des Antifaschismus wird in ihrer Lebensgeschichte deutlich. Im Wien der 30er Jahre war die Jüdin Vilma Steindling im Untergrund für den kommunistischen Widerstand aktiv, emigrierte später nach Frankreich und schloss sich der  Resistance an. Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo wurde sie nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte dort, wie auch den Todesmarsch in das Frauen-KZ nach Ravensbrück. Kurz vor der Befreiung Ravensbrücks durch Soldaten der Roten Armee konnte sie mithilfe einer Aktion des Schwedischen Roten Kreuzes das KZ verlassen und kehrte nach Wien zurück.

Zum Abschluss der Bildungsreise besuchten wir das „Dritte-Mann-Museum“ mit sehr interessanten Einblicken in die unmittelbare österreichische Nachkriegsgeschichte und den Wiener Gemeindebau „Karl-Marx-Hof“. Hier leisteten Bewohner*innen, überwiegend Arbeiter*innen, bis zuletzt heftigen Widerstand gegen das austrofaschistische Dollfusssregime.

Es war für die meisten Teilnehmenden eine ganz andere Österreicherfahrung und hat ihr Bild über die jüngere Zeitgeschichte Österreichs verändert.